Unsere Kollokationskonzeption

Weite vs. enge Kollokationskonzeptionen: Im Laufe der Geschichte der Kollokationsforschung wurden zahlreiche unterschiedliche Definitionen und Konzeptionen für den Terminus „Kollokation“ vorgeschlagen. Insgesamt kann dabei zwischen weite(re)n und enge(re)n Auffassungen unterschieden werden. Gemäß einer sehr weiten Konzeption, die primär quantitativ und statistisch ausgerichtet ist und z.B. in der  Computer- und Korpuslinguistik verbreitet ist, handelt es sich bei einer Kollokation um jegliches Miteinandervorkommen von Wörtern in einem Korpus, unabhängig vom semantischen Gehalt der Verbindungen. Wird hingegen von einer engen, vorwiegend qualitativ und semantisch ausgerichteten Konzeption ausgegangen, so handelt es sich bei Kollokationen um einen bestimmten Typus von Phraseologismen (im weiteren Sinne), der auf dem Kontinuum zwischen freien Wortverbindungen auf der einen Seite und idiomatischen Ausdrücken (Idiomen) auf der anderen Seite anzusiedeln ist: Kollokationen sind demzufolge weder gänzlich „frei“ zusammensetzbar noch vollständig idiomatisiert; aus diesem Grund werden sie oft auch als „halbfest“ bezeichnet.

Kollokationsstruktur „Basis + Kollokator“: Gemäß der engen, semantisch ausgerichteten Kollokationskonzeption stellen Kollokationen hierarchisch organisierte, binäre (zweigliedrige) Wortverbindungen dar, welche aus einer so genannten „Basis“ und einem so genannten „Kollokator“ bestehen. Die Basis ist in der Regel in ihrer wörtlichen Bedeutung verwendet und dem Kollokator kognitiv übergeordnet, während der Kollokator innerhalb der Kollokation von seiner Ausgangsbedeutung auch abweichen kann und seine Wahl stets von der jeweiligen Basis abhängt. Beim Kollokator handelt es sich um den „unvorhersehbaren“ Bestandteil, den Fremdsprachenlernende oft nicht kennen, nach dem sie im Wörterbuch suchen und der in verschiedenen Sprachen unterschiedlich sein kann. So sind z.B. in den Kollokationen piantare un chiodo (‚einen Nagel einschlagen‘, wörtl.: „einpflanzen“), la lezione salta (‚die Stunde fällt aus / entfällt‘, wörtl.: „springt“) und un CD/DVD vergine (‚eine unbespielte / leere [wörtl.: “jungfräuliche”] CD/DVD‘, ‚ein [CD-/ DVD-]Rohling‘) die Basen durch die Substantive chiodo, lezione bzw. CD/DVD repräsentiert, die Kollokatoren hingegen durch die Verben piantare und saltare bzw. das Adjektiv vergine.

Kollokationstypen unter morpho-syntaktischem Aspekt:

  1. Substantiv (Subjekt) + Verb: la fiamma / la luce tremola / vacilla ‘die Flamme / das Licht flackert’, lo stomaco brontola ‘der Magen knurrt’, il tempo stringe ‘die Zeit drängt / ist knapp’
  2. Verb + Substantiv (direktes Objekt): appuntire una matita ‘einen Bleistift spitzen’, battere un record ‘einen Rekord brechen’, ingannare la fiducia (di qcn.) ‘(jmds.) Vertrauen missbrauchen’; Funktionsverbgefüge: dare un’occhiata (a qcs. / qcn.) ‘einen Blick (auf etw. / jmdn.) werfen’, fare naufragio ‘Schiffbruch erleiden’
  3. Verb + Präpositionalsyntagma: fumare / ribollire di rabbia ‚vor Wut kochen‘, morire / scoppiare di curiosità ‚vor Neugierde platzen‘; Funktionsverbgefüge: andare a fuoco ‘brennen’/ ‘Feuer fangen’, mettere (qcs.) in moto ‘(etw.) in Bewegung setzen’
  4. Verb + Adverb / Präpositionalsyntagma (in der Funktion eines Modaladverbiale): ancorare saldamente ‘fest verankern’, fallire miseramente ‘kläglich scheitern’, pentirsi amaramente (di qcs.) ‘(etw.) bitter bereuen’
  5. Substantiv + Adjektiv / Präpositionalsyntagma (in der Funktion eines Attributs): un argomento delicato / spinoso ‘ein heikles Thema’, una sfacciataggine inaudita ‘eine bodenlose Frechheit’, uno scherzo da prete ‘ein blöder / schlechter Scherz’
  6. Adjektiv / Partizip + Adverb / Präpositionalsyntagma (in der Funktion eines Attributs): perdutamente innamorato ‘unsterblich / hoffnungslos verliebt’, ubriaco fradicio ‘stockbetrunken’, nuovo di zecca / fiammante ‘funkelnagelneu’

Kollokationstypen unter semantisch-begrifflichem Aspekt:

  1. Kollokationen mit semantisch sehr spezifischem Kollokator, der eine sehr große Intension und einen sehr engen Kombinationsradius aufweist: il sole tramonta ‚die Sonne geht unter‘, digrignare i denti ‚die Zähne fletschen‘, un naso camuso ‘eine platte / stumpfe Nase’
  2. Kollokationen mit polysemem (mehrdeutigem) Kollokator, der innerhalb der Kollokation im Vergleich zu seiner Ausgangsbedeutung eine semantische Weiterentwicklung bzw. Bedeutungsmodifikation erfahren hat (meist in Form einer metaphorischen Übertragung): la collera sbollisce / svanisce ‘der Zorn verraucht’, nutrire speranza ‘Hoffnung hegen / schöpfen’, una fiducia cieca ‘blindes Vertrauen’
  3. Kollokationen mit semantisch entleertem / vagem Kollokator, der eine sehr kleine Intension und einen sehr weiten Kombinationsradius aufweist (oft Funktionsverbgefüge): prendere una decisione ‚eine Entscheidung treffen‘, mettere (qcs.) in rilievo ‘(etw.) hervorheben’, porre un freno (a qcs. / qcn.) ‘(etw. / jmdm.) Einhalt gebieten’
  4. Elliptische Kollokationen (selten): il cellulare non prende ‘das Handy hat keinen Empfang’ (wörtl.: „das Handy nimmt nicht“), il rubinetto perde ‘der (Wasser)hahn tropft‘ (wörtl.: „verliert“; in diesem Beispiel wird das direkte Objekt acqua ‘Wasser’ ausgelassen, wodurch sich der Kollokationsstatus der Verbindung erst ergibt)
  5. Kollokationen an der Grenze zu den freien Wortverbindungen, insofern sie nur bestimmte Kollokatoren zulassen, während andere (theoretisch ebenfalls mögliche) Kollokatoren ausgeschlossen sind: occhi storti ‚Schielaugen‘ (aber nicht: ?occhi obliqui), levare / cavareestirpareestrarrestrapparetogliere un dente ‚einen Zahn ziehen‘ (aber nicht: ?tirare un dente)

Sonderfall semiidiomatische Kollokationen: Bei semi- oder teilidiomatischen Kollokationen ist der Kollokator idiomatisiert, wie im Falle der Kollokation un numero verde ‘eine kostenlose (wörtl.: “grüne”) (Ruf)nummer’. Da die Basis jedoch nicht idiomatisch gebraucht ist (numero = ‘[Ruf]nummer’), sind solche Verbindungen insgesamt nur teilidiomatisch und aus diesem Grund nicht den (Voll-)Idiomen zuzurechnen, sondern noch zu den Kollokationen zu zählen, weil mindestens ein Teil der Verbindung wörtlich gebraucht ist und die Gesamtbedeutung meist noch aus den einzelnen Teilen erschließbar ist. Es gibt auch Semi-Idiome mit “ungewöhnlicher Kollokationssyntax”, wie im Falle von divertirsi un mondo (‘sich köstlich amüsieren’, wörtl.: “sich eine Welt amüsieren”): Bei diesem Beispiel stellt das Verb divertirsi die Basis dar, weil es sich um den wörtlichen Teil der Verbindung handelt, während es sich beim Modaladverbiale un mondo um den idiomatisch gebrauchten Kollokator handelt.

Sonderfall Komposita: Einige italienische Verbindungen bestehend aus einem Substantiv + Adjektiv oder Präpositionalsyntagma werden im Deutschen mit Komposita (Wortzusammensetzungen) wiedergegeben, wie z.B. tetto apribile = dt. Schiebe– / Hebedach. Dies ist meist dann der Fall, wenn ein bestimmter Typ oder eine Unterklasse von etwas bezeichnet wird (tetto apribile ‘Schiebedach’ = Typ / Subklasse von tetto). Aus lernerorientierter Perspektive lässt sich zwischen den Elementen solcher Verbindungen eine kollokative Beziehung ausmachen (tetto bzw. Dach können als Basen identifiziert werden, apribile bzw. Schiebe- / Hebe- hingegen als “unvorhersehbare”, einzelsprachspezifische Kollokatoren). So müssen etwa vicolo ciecoSackgasse’ (wörtl.: “blinde Gasse”), letto a castello (‘Stockbett’, wörtl.: “Schlossbett”) und foresta vergineUrwald’ (wörtl.: “jungfräulicher Wald”) wie Kollokationen gelernt werden. Aus diesem Grund werden solche Verbindungen in unseren Lernwortschatz ebenfalls aufgenommen.

Wortverbindungen der italienischen und deutschen Sprache im Vergleich. Ein Forschungsprojekt.