Schlagwort-Archiv: Lemma

Projektbeschreibung

Von ‚hinkenden‘ Stühlen, ‚tanzenden‘ Zähnen und ‚verlorenen‘ Verkehrsmitteln. Erarbeitung eines Lernwortschatzes der wichtigsten lexikalischen Kollokationen des Italienischen für deutschsprachige L2-Lerner/innen.

Projektziel: Das Ziel des von der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol (Abteilung Bildungsförderung, Universität und Forschung) geförderten Projekts, welches am Institut für Romanistik der Universität Innsbruck von Dr. Christine Konecny (Projektleiterin) und Mag. Erica Autelli durchgeführt wird, besteht in der Erfassung und Darstellung italienischer Kollokationen im Vergleich mit ihren deutschen Äquivalenten. Die Lemmata, zu denen jeweils die Kollokationen gesucht werden, beschränken sich zunächst auf einen Grundwortschatz von ca. 900-1100 substantivischen Basen. Die gesammelten Kollokationen werden in einer Datenbank erfasst und sollen 2017 in Form eines Lernwortschatzes als Buch publiziert werden.

Theoretischer Hintergrund: Hinsichtlich seiner theoretischen Grundlagen basiert das Projekt zu einem Großteil auf den Forschungsergebnissen der Dissertation von Christine Konecny, welche 2010 beim Verlag Martin Meidenbauer (München) publiziert und bereits mehrfach ausgezeichnet wurde, so u.a. mit dem „Premio Giovanni Nencioni 2012” seitens der Accademia della Crusca und dem „Preis der Landeshauptstadt Innsbruck für wissenschaftliche Forschung an der Universität Innsbruck 2008”. In den vergangenen Jahren wurden von den Projektmitarbeiterinnen außerdem zahlreiche Vorträge gehalten und wissenschaftliche Aufsätze publiziert (vgl. „Publikationen”). Für nähere Informationen zur Kollokationsauffassung im Rahmen dieses Projektes siehe „Unsere Kollokationskonzeption”.

Methode: Die ca. 900-1100 substantivischen Basen, zu denen die Kollokationen gesammelt werden, sind dem italienischen Grundwortschatz entnommen, so wie er im Dizionario di base della lingua italiana (DIB) von Tullio De Mauro und Gian Giuseppe Moroni (1996) festgehalten ist. Von den insgesamt etwa 1100 Substantiven weisen ca. 200 eine wortkategorielle Mehrfachzugehörigkeit auf, d.h. sie können sowohl als Substantive als auch als Vertreter anderer Wortkategorien (z.B. als Adjektive) auftreten. Um zu einer einigermaßen vollständigen Liste der Kollokationen einer substantivischen Basis zu gelangen, werden drei verschiedene Methoden angewandt: (1) die Konsultation verschiedener, bereits bestehender (mono- und bilingualer) Wörterbücher, (2) die muttersprachliche Introspektion der Projektmitarbeiterinnen (als muttersprachliche Sprecherinnen des Italienischen bzw. Deutschen) und (3) die Konsultation geeigneter linguistischer Korpora.

Verwendung von Illustrationen: Zur besseren Anschaulichkeit sowie zur Erleichterung des Memorisierens bestimmter Kollokationen ist beabsichtigt, einige Beispiele zusätzlich bildlich zu verdeutlichen, und zwar anhand entsprechender Illustrationen, welche bei diversen Veranstaltungen an der Universität Innsbruck im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit (z.B. Aktionstage Junge Uni und Lange Nacht der Forschung) sowie infolge von Kooperationen mit mehreren Schulen im Tiroler Raum von Schülerinnen und Schülern im Alter von 9-18 Jahren angefertigt wurden.

Innovatives Potential: Das Phänomen der Kollokationen hat in der italienischen Lexikographie und Didaktik erst in jüngerer Zeit vermehrt Beachtung gefunden, ganz im Gegensatz z.B. zur Französistik, der Angloamerikanistik und der Hispanistik, wo die zentrale Bedeutung der Kollokationen schon seit Längerem erkannt wurde und bereits entsprechende Kollokations- bzw. Kontextwörterbücher existieren. Für das Italienische gibt es zwar mehrere Sammlungen italienischer Redewendungen im Allgemeinen, in welchen neben anderen Arten von Wortverbindungen zumindest teilweise auch Kollokationen erfasst werden, ein spezieller, auf einen Sprachvergleich zwischen dem Italienischen und dem Deutschen hin ausgerichteter Lernwortschatz wurde bis jetzt allerdings noch nicht publiziert. Unser Projekt soll daher eine klaffende Lücke in der italianistischen Forschungslandschaft füllen und stellt ein Novum in der Lexikographie und Fremdsprachendidaktik sowie im Sprachvergleich Italienisch-Deutsch ganz generell dar.

Zielpublikum: Die geplante Kollokationssammlung richtet sich an Italienisch- und Deutsch-Lernende, Italienisch- und Deutsch-Lehrende, aber auch an Übersetzer- und Dolmetscher/innen, ist daher sowohl als Lern- als auch Lehrhilfe konzipiert. Darüber hinaus soll sie dazu beitragen, ein verstärktes Bewusstsein für die Wichtigkeit sprachspezifischer Kollokationen beim Sprachenlernen auch im Bereich der Lernerlexikographie Italienisch-Deutsch zu schaffen.

Relevanz für die Regionen Tirol und Südtirol: Am Institut für Romanistik der Universität Innsbruck drängt sich der Sprachvergleich im Allgemeinen (sowie im Besonderen jener im Bereich der Kollokationen) im Rahmen der Italianistik als Betätigungsfeld nahezu auf, insofern wir uns geographisch an einer Schnittstelle zwischen germanischer und romanischer Welt befinden. Italien liegt sozusagen “vor unserer Haustüre”, und viele unserer Italienisch-Studierenden kommen aus Südtirol, d.h. einer Gegend, wo die Zweisprachigkeit Deutsch-Italienisch ein sozio-politisches Faktum ist. Jene unserer Studierenden, welche aus den ladinischsprachigen Tälern Südtirols stammen, sind sogar mit einer de-facto-Dreisprachigkeit aufgewachsen, die nicht nur individuell und gesellschaftlich, sondern (durch die dreisprachige Pflichtschule und die drei Landessprachen als Amtssprachen) auch institutionell fest verankert ist. Erkenntnisse im Rahmen der sprachvergleichenden Forschungsarbeit zu Kollokationen lassen sich daher fruchtbringend auch in die universitäre Lehre integrieren, weil dafür bei unseren Studierenden a priori eine entsprechende Sensibilität und ein gewisses Interesse vorausgesetzt werden können. Indem der geplante Lernwortschatz die in Südtirol u.a. verwendeten Sprachen Italienisch und Deutsch als gleichwertig nebeneinander stellt, hat er gleichzeitig einen Signalwert, insofern er Mehrsprachigkeit als einen sozio-kulturellen Mehrwert erkennen lässt und gleichzeitig einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben der verschiedenen Sprachgruppen in Südtirol leistet.

Glossar

Freie Wortverbindung: Damit wird eine Verbindung von zwei oder mehreren Wörtern bezeichnet, die (mehr oder weniger) „frei“ gebildet werden kann. Allerdings sind dabei immer gewisse semantische Mindestregeln (so genannte „Selektionsrestriktionen“) zu beachten: So kann z.B. das Verb mangiare (‚essen‘) mit una mela (‚einen Apfel‘), un panino (‚ein Brötchen‘) oder una pizza (‚eine Pizza‘) verbunden werden, nicht aber mit un tavolo (‚einen Tisch‘), weil ein Tisch normalerweise nicht die Bedingung der Essbarkeit erfüllt. Der Grad an „Freiheit“ bei der Bildung kann jedoch sehr unterschiedlich sein. Die Übergänge von den freien Wortverbindungen zu den Kollokationen sind daher fließend und eine klare Grenze zwischen den beiden Kategorien ist nicht genau festzumachen.

Funktionsverbgefüge (FVG): Diese Wortverbindungen werden oft als bestimmter Typ von Kollokationen aufgefasst, manchmal aber auch von ihnen abgegrenzt. FVG bestehen aus einem Verb + direktem Objekt (z.B. fare / porre una domanda – eine Frage stellen, prendere una decisione – eine Entscheidung treffen) oder aus einem Verb + Präpositionalsyntagma (z.B. mettere a disposizione – zur Verfügung stellen, prendere in considerazione – in Erwägung ziehen). Das Besondere an ihnen ist, dass das Verb hauptsächlich nur der Vermittlung grammatischer Informationen dient, während die eigentliche semantische Hauptinformation durch das Substantiv zum Ausdruck gebracht wird. Aus diesem Grund gibt es für FVG oft auch ein synonymes einfaches Verb, das ungefähr dieselbe denotative Bedeutung zum Ausdruck bringt (z.B. fare una domanda – domandare, prendere una decisione – decidere).

Glottodidaktik (auch: Sprachen- / Fremdsprachendidaktik; abgeleitet von altgriechisch glotta ‚Sprache‘ und didáskein ‚lehren‘, ‚unterrichten‘): Die Glottodidaktik ist ein wissenschaftlicher Teilbereich, der sich mit der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen und Sprachen ganz allgemein befasst.

Idiom (auch: idiomatischer Ausdruck, (idiomatische) Redewendung; abgeleitet von altgriechisch idíōma eigentümliche Ausdrucksweise‘): Bei Idiomen handelt es sich um Wortverbindungen, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Summe der Bedeutungen der einzelnen Bestandteile abgeleitet werden kann. Würde man z.B. die Bedeutungen der einzelnen Wörter des italienischen Idioms cadere dalla padella nella brace addieren (‚vom Regen in die Traufe kommen‘, wörtl.: „von der Pfanne in die Glut fallen“), so würde man nicht zu der idiomatischen Bedeutung ‚in eine noch schlimmere Situation geraten‘ gelangen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Idiom überhaupt nicht motiviert oder die Motivation des betreffenden Idioms völlig verblasst sein muss. Vielfach ist die ursprüngliche Motivation eines Idioms noch klar erkennbar, so z.B. im Falle von alzare il gomito (‘zu tief ins Glas schauen’, wörtl.: „den Ellbogen heben“), da beim Trinken von Alkohol durch das Ansetzen des Glases / der Flasche typischerweise tatsächlich der Ellbogen hochgehoben wird, oder im Falle von avere le mani di pastafrolla (‘ungeschickt sein’, wörtl.: „Hände aus Mürbeteig haben“).

Kollokation (abgeleitet von lateinisch collocatio [aus con + locare] ‚Stellung‘, ‚Anordnung‘, ‚das Zusammen- / Nebeneinanderstellen‘) [=> siehe auch “Unsere Kollokationskonzeption”]: Gemäß einer engen, semantisch ausgerichteten Konzeption handelt es sich bei Kollokationen um einen bestimmten Typus von Phraseologismen (im weiteren Sinne), der auf dem Kontinuum zwischen freien Wortverbindungen auf der einen Seite und idiomatischen Ausdrücken (Idiomen) auf der anderen Seite anzusiedeln ist: Kollokationen sind demzufolge weder gänzlich “frei” zusammensetzbar noch vollständig idiomatisiert; aus diesem Grund werden sie oft auch als “halbfest” bezeichnet. Sie stellen typischerweise binäre (zweigliedrige) Wortverbindungen dar, welche aus einer so genannten “Basis” und einem so genannten “Kollokator” bestehen. Die Basis ist in der Regel in ihrer wörtlichen Bedeutung verwendet und dem Kollokator kognitiv übergeordnet, während der Kollokator innerhalb der Kollokation von seiner Ausgangsbedeutung auch abweichen kann und seine Wahl stets von der jeweiligen Basis abhängt. Beim Kollokator handelt es sich um den “unvorhersehbaren” Bestandteil, den Fremdsprachenlernende oft nicht kennen, nach dem sie im Wörterbuch suchen und der in verschiedenen Sprachen unterschiedlich sein kann. So sind z.B. in den Kollokationen piantare un chiodo (‘einen Nagel einschlagen’, wörtl.: “einpflanzen”), la lezione salta (‘die Stunde fällt aus / entfällt’, wörtl.: “springt”) und un CD / DVD vergine (‘eine unbespielte / leere [wörtl.: “jungfräuliche”] CD / DVD’, ‘ein [CD- / DVD-]Rohling’) die Basen durch die Substantive chiodo, lezione bzw. CD / DVD repräsentiert, die Kollokatoren hingegen durch die Verben piantare und saltare bzw. das Adjektiv vergine.

Kombinationsradius (auch: Kollokationsradius; Kombinations-/Kollokationsgrad oder -bereich): Darunter ist die Summe aller Wörter (Lexeme) zu verstehen, mit denen ein bestimmtes Wort eine Verbindung eingehen kann. Kann ein Wort mit einer Vielzahl anderer Wörter verwendet werden, so ist sein Kombinationsradius als groß bzw. weit anzusehen (z.B. profondo ‚tief‘, mangiare ‚essen‘). Kann es hingegen nur mit wenigen anderen Lexemen kombiniert werden, dann weist es einen engen Kombinationsradius auf (z.B. commettere, das nur mit negativ besetzten Substantiven wie reato ‚Verbrechen‘, omicidio ‚Mord‘, furto ‚Diebstahl‘ usw. in der Bedeutung ‚begehen‘ gebraucht wird). Einige wenige Lexeme haben sogar einen so genannten „unikalen“ bzw. maximal engen Kombinationsradius, wie z.B. scozzare, das im Italienischen fast nur mit le carte (‚[Spiel-]Karten‘) in der Bedeutung ‚die Karten mischen‘ verwendet wird.

Konzeptualisierung: Darunter ist die Art und Weise zu verstehen, auf welche in einer Sprache auf ein bestimmtes Konzept kognitiv zugegriffen und es gleichzeitig versprachlicht wird. Anders gesagt handelt es sich um den spezifischen „Blick“, der auf ein Objekt oder einen Sachverhalt in einer Sprache geworfen wird. Die Konzeptualisierung ist quasi die „Brücke“, die die außersprachliche Wirklichkeit mit der Sprache verbindet, indem ein bestimmter Aspekt eines Konzepts kognitiv herausgegriffen und in sprachlichen Mitteln zum Ausdruck gebracht wird. Die Konzeptualisierung ist in verschiedenen Sprachen meist unterschiedlich. So ist im Deutschen das Handtuch als ‚Tuch für die Hand‘ konzeptualisiert, während im Italienischen asciugamano einfach ‚etwas zum Trocknen der Hände‘ ist und somit die Funktion des Gegenstandes im Vordergrund steht (asciugare = ‚trocknen‘, mano = ‚Hand‘). In einigen Fällen können die Konzeptualisierungen zweier Sprachen aber auch übereinstimmen oder ähnlich sein, wie bei den Kollokationen ammazzare il tempo – die Zeit totschlagen (im Italienischen wörtlich: „töten“).

Lemma  (abgeleitet von altgriechisch lemma ‚das Aufgenommene‘, ‚die Annahme‘): Dabei handelt es sich um den linguistischen Fachausdruck für einen Wörterbuch- / Lexikoneintrag bzw. für ein Wort (Lexem) in der Form, unter der man es in einem Nachschlagewerk als Eintrag findet. So umfasst beispielsweise der Eintrag / das Lemma andare (‘gehen’) auch andere Formen desselben Verbs, wie z.B. vado (‘ich gehe’), andato (‘gegangen’) oder andando (entspricht dem englischen going).

Lexemkombination (auch: Lexemverbindung; vgl. altgriechisch léxis ‚Wort‘): Hierbei handelt es sich um den linguistischen Fachausdruck für eine Wortverbindung, d.h. eine Verbindung von zwei oder mehreren Wörtern (Lexemen). Es gibt verschiedene Arten von Lexemkombinationen mit jeweils unterschiedlichen Festigkeits- bzw. Fixiertheitsgraden, wie z.B. freie Wortverbindungen (nicht bzw. kaum fixiert), Kollokationen („halbfest“) und Idiome (stark fixiert). Während die Einstufung einer Wortverbindung als Phraseologismus oft schwierig ist und von der jeweiligen Phraseologiekonzeption abhängt, ist der Terminus „Lexemkombination“ neutraler bzw. als übergeordnet anzusehen, insofern jegliche Arten von Wortverbindungen (auch „freie“ bzw. nicht fixierte) darunter fallen.

Lexikalisierte Metapher: Metaphern sind den meisten von uns als Stilmittel der Literatur bekannt, als „blumige“ Ausdrucksweise bzw. „bildliche“ oder „übertragene“ Verwendung von Wörtern. Wenn Metaphern aber nicht mehr spontan bzw. ad hoc (z.B. von einem einzelnen Autor oder in einer bestimmten Situation) gebildet werden, sondern in den allgemeinen Gebrauch einer Sprachgemeinschaft übergegangen bzw. zur Norm geworden sind, dann bezeichnet man sie als „lexikalisierte Metaphern“. Metaphern spielen daher auch beim Bedeutungswandel im Laufe der Sprachgeschichte eine zentrale Rolle und tragen so wesentlich zur Herausbildung von Mehrdeutigkeiten (Polysemien) von Wörtern bei. So ist etwa die Kollokation covare una malattia (‚eine Krankheit ausbrüten‘) aufgrund einer metaphorischen Übertragung aus covare le uova (‚Eier ausbrüten‘) heraus entstanden (konkret -> abstrakt), diese Metapher ist heute aber bereits lexikalisiert und die Bedeutung von covare im Sinne von ‚ausbrüten‘ (in Bezug auf eine Krankheit) findet sich auch in den Wörterbüchern. Das Besondere an lexikalisierten Metaphern ist, dass sie von Muttersprachler/inne/n meist gar nicht mehr bewusst als Metaphern wahrgenommen werden, von Fremdsprachenlernenden hingegen sehr wohl, weswegen letztere Polysemien und lexikalisierte metaphorische Verwendungsweisen von Wörtern auch bewusst lernen und einüben sollten.

Lexikographie: Dabei handelt es sich um eine praktisch ausgerichtete linguistische Teildisziplin, die sich mit der (konkreten) Erstellung von Wörterbüchern und Lernwortschätzen befasst. Die mehr theoretisch ausgerichtete Metalexikographie setzt sich hingegen mit der wissenschaftlichen Analyse bestehender Wörterbücher und Fragen der Wörterbuchkonzeption generell auseinander.

Motiviertheit (auch: Motivation, Motivierung): Darunter ist die semantische Durchsichtigkeit bzw. Transparenz sprachlicher Zeichen und Einheiten zu verstehen. Während sich sprachliche Einzelzeichen zum Großteil durch Arbiträrität auszeichnen (es gibt z.B. keinen erkennbaren Grund, warum ein Hund im Englischen als dog, im Italienischen hingegen als cane bezeichnet wird), gibt es auf der Ebene der Wortverbindungen anfänglich stets eine Motivationsgrundlage, indem auf eine bestimmte Konzeptualisierung zurückgegriffen wird. Motiviertheit zum synchronen Sprachzustand ist dann gegeben, wenn aus der Form einer sprachlichen Einheit und dem Weltwissen auf ihre Bedeutung und ihre Benennungsgrundlage geschlossen werden kann (vgl. die unter “Beispiele” aufgelisteten, semantisch transparenten Kollokationen). Manchmal ist die ursprüngliche Motivation im Laufe der Sprachgeschichte jedoch verblasst und synchron nicht mehr erkennbar, wie im Falle von stipulare un contratto (‚einen Vertrag schließen‘), wo sich stipulare von lateinisch stípula ‚Strohhalm‘ herleitet, weil in der Antike bei einem Vertragsabschluss ein Strohhalm entzwei gebrochen wurde.

Phraseologie und Phraseologismen (auch: Phraseme): Als Phraseologie wird die linguistische Teildisziplin bezeichnet, die sich mit Phraseologismen beschäftigt. Sowohl bei der Phraseologie als auch bei den Phraseologismen wird zwischen einer engen und einer weiten Auffassung unterschieden: (a) Gemäß der engen Konzeption gehören nur Idiome (= Phraseologismen im engeren Sinne) zum Untersuchungsgegenstand der Phraseologie bzw. zu den Phraseologismen, d.h. nur solche Verbindungen, die sich durch Idiomatizität auszeichnen und deren Gesamtbedeutung sich nicht aus der Summe der Bedeutungen der einzelnen Bestandteile ergibt. (b) Gemäß der weiten Konzeption sind neben den Idiomen auch alle anderen Arten von festen Wortverbindungen zum Bereich der Phraseologie und zu den Phraseologismen zu rechnen, so u.a. Kollokationen, Routineformeln (z.B. Quanti anni hai? – Wie alt bist du?), Sprichwörter (Chi fa da sé fa per tre. – Selbst ist der Mann / die Frau.).

Polysemie (abgeleitet von altgriechisch polýs ‚viel‘ / ‚mehrere‘ und séma ‚Zeichen‘): Dabei handelt es sich um einen bestimmten Fall von Mehrdeutigkeit bzw. Ambiguität sprachlicher Zeichen, die typischerweise auf Lexemebene (Wortebene) auftritt. Ein Wort ist dann polysem, wenn es zwei oder mehrere Bedeutungen aufweist, die untereinander einen etymologischen und semantischen (inhaltlichen) Zusammenhang aufweisen, wie z.B. ital. spina, das in seiner Grundbedeutung ‚Dorn‘ heißt, in einer davon abgeleiteten Bedeutung aber auch ’stechender Schmerz‘ (basierend auf der metonymischen Relation ‚Ursache – Resultat‘, denn Dornen können stechende Schmerzen verursachen). Im Wörterbuch findet man die verschiedenen Bedeutungen eines polysemen Wortes daher unter einem einzigen Lemma (Eintrag).  Im Rahmen von Kollokationen spielen Polysemien vor allem im Bereich verbaler und adjektivischer Kollokatoren eine Rolle, weil besonders diese Wortarten oft polysem sind und im Vergleich zu ihrer Grundbedeutung eine metaphorische Übertragung erfahren haben (vgl. abbracciare una professione ‚einen Beruf ergreifen‘, wörtl.: „umarmen“; una curva cieca ‚eine unübersichtliche [wörtl.: “blinde”] Kurve‘). Da Polysemien in verschiedenen Sprachen meist unterschiedlich verteilt sind, ergeben sich unterschiedliche Kombinationsradien und Bildlichkeiten sowie folglich auch Unterschiede in den Kollokationen.

Semiidiomatische Kollokationen (auch: teilidiomatische Kollokationen; Teilidiome; Semiidiome) [=> siehe auch “Unsere Kollokationskonzeption”]: Bei teil- oder semiidiomatischen Kollokationen ist der Kollokator idiomatisiert, wie im Falle der Kollokation un numero verde ‘eine kostenlose (wörtl.: “grüne”) (Ruf)nummer’. Da die Basis jedoch nicht idiomatisch gebraucht ist (numero = ‘(Ruf)nummer’), sind solche Verbindungen insgesamt nur teilidiomatisch und aus diesem Grund nicht den (Voll-)Idiomen zuzurechnen, sondern noch zu den Kollokationen zu zählen, weil mindestens ein Teil der Verbindung wörtlich gebraucht ist und die Gesamtbedeutung meist noch aus den einzelnen Teilen erschließbar ist. Es gibt auch Semi-Idiome mit “ungewöhnlicher Kollokationssyntax”, wie im Falle von divertirsi un mondo (‘sich köstlich amüsieren’, wörtl.: “sich eine Welt amüsieren”): Bei diesem Beispiel stellt das Verb divertirsi die Basis dar, weil es sich um den wörtlichen Teil der Verbindung handelt, während es sich beim Modaladverbiale un mondo um den idiomatisch gebrauchten Kollokator handelt.

Lernwortschatz

Buchpublikation: Die italienischen Kollokationen, die in einer speziell dafür erstellten Datenbank erfasst werden, werden 2015 beim Verlag Helmut Buske (Hamburg) in Form eines Lernwortschatzes bzw. Wörterbuches publiziert.

Auswahl der Lemmata und Kollokationen: Der Auswahl italienischer Kollokationen für unseren Lernwortschatz wird ein strukturelles Kriterium zu Grunde gelegt, insofern ausschließlich solche Kollokationen erfasst werden, deren Basen Substantive darstellen, was auf die morpho-syntaktischen Typen 1-4 (aufgelistet unter “Unsere Kollokationskonzeption”) zutrifft. Die Anzahl der Basen (= gleichzeitig Lemmata des Lernwortschatzes) beschränkt sich zunächst auf ca. 900-1100 Substantive, die dem italienischen Grundwortschatz des Dizionario di base della lingua italiana (DIB) von De Mauro / Moroni (1996) angehören. Die Entscheidung, welche Lexemverbindungen überhaupt als Kollokationen zu klassifizieren und in den Lernwortschatz aufzunehmen sind, wird von den Projektmitarbeiterinnen selbst bzw. bei jeder Verbindung eigens getroffen, wobei als generelle Richtlinie die Zugehörigkeit zu einem der 5 semantischen Kollokationstypen (aufgelistet unter “Unsere Kollokationskonzeption”) gelten kann.

Nachschlagewerk und aktive Lernhilfe: Der Lernwortschatz soll einerseits als Nachschlagewerk dienen, andererseits aber auch und vor allem als “aktive” Lernhilfe für L2-Lerner/innen sowie als Hilfsmittel für Fremdsprachenlehrer/innen. Dadurch, dass die Kollokationen in zwei Spalten angeordnet werden (in der rechten Spalte findet sich jeweils die deutsche Entsprechung zum italienischen Teil in der linken Spalte), haben die Lerner/innen u.a. die Möglichkeit, eine der beiden Spalten abzudecken und zu überprüfen, was sie bereits gelernt haben bzw. wissen.

Illustrationen: Zur besseren Anschaulichkeit und Erleichterung des Memorisierens werden einige Kollokationen zusätzlich anhand entsprechender Bilder verdeutlicht, die von Tiroler Kindern und Jugendlichen im Rahmen von Kooperationen mit Schulen sowie bei öffentlichen Veranstaltungen angefertigt wurden (siehe auch “Illustrationen”).

Aufbau der Einträge: Innerhalb eines Eintrages sind die Kollokationen nach den morpho-syntaktischen Typen 1-4 angeordnet, und innerhalb dieser richtet sich die Ordnung der Kollokationen jeweils alphabetisch nach dem Anfangsbuchstaben des Kollokators. Besonderes Augenmerk wird bei den Einträgen auf die Bewusstmachung von Unterschieden zwischen den italienischen und deutschen Kollokationen gelegt, wodurch sich ein größtmöglicher Nutzen bzw. Lerngewinn für die L2-Lerner/innen ergeben soll:

  • Zum besseren Nachvollzug der Bildlichkeit einer italienischen Kollokation wird (im Falle polysemer Kollokatoren) in Klammern unter Anführungszeichen auch ihre wörtliche Übersetzung ins Deutsche angegeben (ausgehend von der Grundbedeutung des Kollokators). Damit kann gezeigt werden, wie fehleranfällig die wörtliche Übertragung vom Italienischen ins Deutsche (bzw. umgekehrt) sein kann: z.B. il dente balla ‘der Zahn wackelt’, wörtl.: “tanzt”.
  • Für jede Kollokation wird ein Beispielsatz (inklusive deutscher Übersetzung) angeführt, um ihren Gebrauch in einem konkreten Kontext zu veranschaulichen. Bei sämtlichen Beispielen wird darauf geachtet, dass sie gebräuchlich bzw. nicht “konstruiert” und auch inhaltlich ansprechend sind. Zu diesem Zweck werden authentische Textbeispiele mittels Google gesucht, die von Erica Autelli als italienischer Muttersprachlerin stets überprüft, gegebenenfalls modifiziert und von Christine Konecny anschließend ins Deutsche übersetzt werden.
  • Kann eine Kollokation zugleich in mehreren Strukturtypen auftreten, so werden diese unter einem einzigen Eintrag zusammengefasst: z.B. otturare (auch: piombare) un dente / un dente otturato (auch: piombato) ‘einen Zahn plombieren (auch [seltener]: füllen, mit einer Füllung versehen)’ / ‘ein plombierter Zahn’.
  • Wenn es mehrere alternative Kollokatoren gibt, werden diese in Klammern angeführt: z.B. levare un dente ‘einen Zahn ziehen’, aber auch: cavare, estirpare, estrarre, strappare, togliere un dente.
  • Die Benutzer können unter einem Eintrag nicht nur die Kollokatoren einer bestimmten Basis in Erfahrung bringen, sondern gegebenenfalls durch Verweise auch die mit einem Kollokator verbundenen weiteren Basen: vgl. piantare i denti (nella mano a/di qcn.) ‘(jmdm.) (z.B. in die Hand) beißen’, wo auf den Eintrag chiodo verwiesen wird, unter dem sich die Kollokation piantare un chiodo ‘einen Nagel einschlagen’ findet.
  • Wenn zwei (oder mehrere) Kollokatoren Antonyme (Gegensatzwörter) darstellen, werden diese ebenfalls unter einem einzigen Eintrag zusammengefasst (mit dem Verweis “VS.” für ‘versus’): z.B. il dente aguzzo (auch: affilato) VS. il dente ottuso ‘der scharfe Zahn’ VS. ‘der stumpfe Zahn’.
  • In bestimmten Fällen finden sich auch Angaben zur Frequenz und zum Register der Kollokationen, z.B. wenn sie nur sehr selten, typischerweise in der Umgangssprache oder nur in pejorativer (abwertender) Bedeutung gebraucht sind (diese Angaben erheben jedoch nicht den Anspruch auf Vollständigkeit): [selten], [ugs.], [pej.], usw.

Vorschau: Im Folgenden wird eine Vorschau auf den Eintrag des Lemmas dente (‚Zahn‘) im geplanten Lernwortschatz geboten (für eine bessere Auflösung Eintrag anklicken und anschließend vergrößern):