Schlagwort-Archiv: Teilidiome

Glossar

Freie Wortverbindung: Damit wird eine Verbindung von zwei oder mehreren Wörtern bezeichnet, die (mehr oder weniger) „frei“ gebildet werden kann. Allerdings sind dabei immer gewisse semantische Mindestregeln (so genannte „Selektionsrestriktionen“) zu beachten: So kann z.B. das Verb mangiare (‚essen‘) mit una mela (‚einen Apfel‘), un panino (‚ein Brötchen‘) oder una pizza (‚eine Pizza‘) verbunden werden, nicht aber mit un tavolo (‚einen Tisch‘), weil ein Tisch normalerweise nicht die Bedingung der Essbarkeit erfüllt. Der Grad an „Freiheit“ bei der Bildung kann jedoch sehr unterschiedlich sein. Die Übergänge von den freien Wortverbindungen zu den Kollokationen sind daher fließend und eine klare Grenze zwischen den beiden Kategorien ist nicht genau festzumachen.

Funktionsverbgefüge (FVG): Diese Wortverbindungen werden oft als bestimmter Typ von Kollokationen aufgefasst, manchmal aber auch von ihnen abgegrenzt. FVG bestehen aus einem Verb + direktem Objekt (z.B. fare / porre una domanda – eine Frage stellen, prendere una decisione – eine Entscheidung treffen) oder aus einem Verb + Präpositionalsyntagma (z.B. mettere a disposizione – zur Verfügung stellen, prendere in considerazione – in Erwägung ziehen). Das Besondere an ihnen ist, dass das Verb hauptsächlich nur der Vermittlung grammatischer Informationen dient, während die eigentliche semantische Hauptinformation durch das Substantiv zum Ausdruck gebracht wird. Aus diesem Grund gibt es für FVG oft auch ein synonymes einfaches Verb, das ungefähr dieselbe denotative Bedeutung zum Ausdruck bringt (z.B. fare una domanda – domandare, prendere una decisione – decidere).

Glottodidaktik (auch: Sprachen- / Fremdsprachendidaktik; abgeleitet von altgriechisch glotta ‚Sprache‘ und didáskein ‚lehren‘, ‚unterrichten‘): Die Glottodidaktik ist ein wissenschaftlicher Teilbereich, der sich mit der Theorie und Praxis des Lehrens und Lernens von Fremdsprachen und Sprachen ganz allgemein befasst.

Idiom (auch: idiomatischer Ausdruck, (idiomatische) Redewendung; abgeleitet von altgriechisch idíōma eigentümliche Ausdrucksweise‘): Bei Idiomen handelt es sich um Wortverbindungen, deren Gesamtbedeutung nicht aus der Summe der Bedeutungen der einzelnen Bestandteile abgeleitet werden kann. Würde man z.B. die Bedeutungen der einzelnen Wörter des italienischen Idioms cadere dalla padella nella brace addieren (‚vom Regen in die Traufe kommen‘, wörtl.: „von der Pfanne in die Glut fallen“), so würde man nicht zu der idiomatischen Bedeutung ‚in eine noch schlimmere Situation geraten‘ gelangen. Das bedeutet allerdings nicht, dass ein Idiom überhaupt nicht motiviert oder die Motivation des betreffenden Idioms völlig verblasst sein muss. Vielfach ist die ursprüngliche Motivation eines Idioms noch klar erkennbar, so z.B. im Falle von alzare il gomito (‘zu tief ins Glas schauen’, wörtl.: „den Ellbogen heben“), da beim Trinken von Alkohol durch das Ansetzen des Glases / der Flasche typischerweise tatsächlich der Ellbogen hochgehoben wird, oder im Falle von avere le mani di pastafrolla (‘ungeschickt sein’, wörtl.: „Hände aus Mürbeteig haben“).

Kollokation (abgeleitet von lateinisch collocatio [aus con + locare] ‚Stellung‘, ‚Anordnung‘, ‚das Zusammen- / Nebeneinanderstellen‘) [=> siehe auch “Unsere Kollokationskonzeption”]: Gemäß einer engen, semantisch ausgerichteten Konzeption handelt es sich bei Kollokationen um einen bestimmten Typus von Phraseologismen (im weiteren Sinne), der auf dem Kontinuum zwischen freien Wortverbindungen auf der einen Seite und idiomatischen Ausdrücken (Idiomen) auf der anderen Seite anzusiedeln ist: Kollokationen sind demzufolge weder gänzlich “frei” zusammensetzbar noch vollständig idiomatisiert; aus diesem Grund werden sie oft auch als “halbfest” bezeichnet. Sie stellen typischerweise binäre (zweigliedrige) Wortverbindungen dar, welche aus einer so genannten “Basis” und einem so genannten “Kollokator” bestehen. Die Basis ist in der Regel in ihrer wörtlichen Bedeutung verwendet und dem Kollokator kognitiv übergeordnet, während der Kollokator innerhalb der Kollokation von seiner Ausgangsbedeutung auch abweichen kann und seine Wahl stets von der jeweiligen Basis abhängt. Beim Kollokator handelt es sich um den “unvorhersehbaren” Bestandteil, den Fremdsprachenlernende oft nicht kennen, nach dem sie im Wörterbuch suchen und der in verschiedenen Sprachen unterschiedlich sein kann. So sind z.B. in den Kollokationen piantare un chiodo (‘einen Nagel einschlagen’, wörtl.: “einpflanzen”), la lezione salta (‘die Stunde fällt aus / entfällt’, wörtl.: “springt”) und un CD / DVD vergine (‘eine unbespielte / leere [wörtl.: “jungfräuliche”] CD / DVD’, ‘ein [CD- / DVD-]Rohling’) die Basen durch die Substantive chiodo, lezione bzw. CD / DVD repräsentiert, die Kollokatoren hingegen durch die Verben piantare und saltare bzw. das Adjektiv vergine.

Kombinationsradius (auch: Kollokationsradius; Kombinations-/Kollokationsgrad oder -bereich): Darunter ist die Summe aller Wörter (Lexeme) zu verstehen, mit denen ein bestimmtes Wort eine Verbindung eingehen kann. Kann ein Wort mit einer Vielzahl anderer Wörter verwendet werden, so ist sein Kombinationsradius als groß bzw. weit anzusehen (z.B. profondo ‚tief‘, mangiare ‚essen‘). Kann es hingegen nur mit wenigen anderen Lexemen kombiniert werden, dann weist es einen engen Kombinationsradius auf (z.B. commettere, das nur mit negativ besetzten Substantiven wie reato ‚Verbrechen‘, omicidio ‚Mord‘, furto ‚Diebstahl‘ usw. in der Bedeutung ‚begehen‘ gebraucht wird). Einige wenige Lexeme haben sogar einen so genannten „unikalen“ bzw. maximal engen Kombinationsradius, wie z.B. scozzare, das im Italienischen fast nur mit le carte (‚[Spiel-]Karten‘) in der Bedeutung ‚die Karten mischen‘ verwendet wird.

Konzeptualisierung: Darunter ist die Art und Weise zu verstehen, auf welche in einer Sprache auf ein bestimmtes Konzept kognitiv zugegriffen und es gleichzeitig versprachlicht wird. Anders gesagt handelt es sich um den spezifischen „Blick“, der auf ein Objekt oder einen Sachverhalt in einer Sprache geworfen wird. Die Konzeptualisierung ist quasi die „Brücke“, die die außersprachliche Wirklichkeit mit der Sprache verbindet, indem ein bestimmter Aspekt eines Konzepts kognitiv herausgegriffen und in sprachlichen Mitteln zum Ausdruck gebracht wird. Die Konzeptualisierung ist in verschiedenen Sprachen meist unterschiedlich. So ist im Deutschen das Handtuch als ‚Tuch für die Hand‘ konzeptualisiert, während im Italienischen asciugamano einfach ‚etwas zum Trocknen der Hände‘ ist und somit die Funktion des Gegenstandes im Vordergrund steht (asciugare = ‚trocknen‘, mano = ‚Hand‘). In einigen Fällen können die Konzeptualisierungen zweier Sprachen aber auch übereinstimmen oder ähnlich sein, wie bei den Kollokationen ammazzare il tempo – die Zeit totschlagen (im Italienischen wörtlich: „töten“).

Lemma  (abgeleitet von altgriechisch lemma ‚das Aufgenommene‘, ‚die Annahme‘): Dabei handelt es sich um den linguistischen Fachausdruck für einen Wörterbuch- / Lexikoneintrag bzw. für ein Wort (Lexem) in der Form, unter der man es in einem Nachschlagewerk als Eintrag findet. So umfasst beispielsweise der Eintrag / das Lemma andare (‘gehen’) auch andere Formen desselben Verbs, wie z.B. vado (‘ich gehe’), andato (‘gegangen’) oder andando (entspricht dem englischen going).

Lexemkombination (auch: Lexemverbindung; vgl. altgriechisch léxis ‚Wort‘): Hierbei handelt es sich um den linguistischen Fachausdruck für eine Wortverbindung, d.h. eine Verbindung von zwei oder mehreren Wörtern (Lexemen). Es gibt verschiedene Arten von Lexemkombinationen mit jeweils unterschiedlichen Festigkeits- bzw. Fixiertheitsgraden, wie z.B. freie Wortverbindungen (nicht bzw. kaum fixiert), Kollokationen („halbfest“) und Idiome (stark fixiert). Während die Einstufung einer Wortverbindung als Phraseologismus oft schwierig ist und von der jeweiligen Phraseologiekonzeption abhängt, ist der Terminus „Lexemkombination“ neutraler bzw. als übergeordnet anzusehen, insofern jegliche Arten von Wortverbindungen (auch „freie“ bzw. nicht fixierte) darunter fallen.

Lexikalisierte Metapher: Metaphern sind den meisten von uns als Stilmittel der Literatur bekannt, als „blumige“ Ausdrucksweise bzw. „bildliche“ oder „übertragene“ Verwendung von Wörtern. Wenn Metaphern aber nicht mehr spontan bzw. ad hoc (z.B. von einem einzelnen Autor oder in einer bestimmten Situation) gebildet werden, sondern in den allgemeinen Gebrauch einer Sprachgemeinschaft übergegangen bzw. zur Norm geworden sind, dann bezeichnet man sie als „lexikalisierte Metaphern“. Metaphern spielen daher auch beim Bedeutungswandel im Laufe der Sprachgeschichte eine zentrale Rolle und tragen so wesentlich zur Herausbildung von Mehrdeutigkeiten (Polysemien) von Wörtern bei. So ist etwa die Kollokation covare una malattia (‚eine Krankheit ausbrüten‘) aufgrund einer metaphorischen Übertragung aus covare le uova (‚Eier ausbrüten‘) heraus entstanden (konkret -> abstrakt), diese Metapher ist heute aber bereits lexikalisiert und die Bedeutung von covare im Sinne von ‚ausbrüten‘ (in Bezug auf eine Krankheit) findet sich auch in den Wörterbüchern. Das Besondere an lexikalisierten Metaphern ist, dass sie von Muttersprachler/inne/n meist gar nicht mehr bewusst als Metaphern wahrgenommen werden, von Fremdsprachenlernenden hingegen sehr wohl, weswegen letztere Polysemien und lexikalisierte metaphorische Verwendungsweisen von Wörtern auch bewusst lernen und einüben sollten.

Lexikographie: Dabei handelt es sich um eine praktisch ausgerichtete linguistische Teildisziplin, die sich mit der (konkreten) Erstellung von Wörterbüchern und Lernwortschätzen befasst. Die mehr theoretisch ausgerichtete Metalexikographie setzt sich hingegen mit der wissenschaftlichen Analyse bestehender Wörterbücher und Fragen der Wörterbuchkonzeption generell auseinander.

Motiviertheit (auch: Motivation, Motivierung): Darunter ist die semantische Durchsichtigkeit bzw. Transparenz sprachlicher Zeichen und Einheiten zu verstehen. Während sich sprachliche Einzelzeichen zum Großteil durch Arbiträrität auszeichnen (es gibt z.B. keinen erkennbaren Grund, warum ein Hund im Englischen als dog, im Italienischen hingegen als cane bezeichnet wird), gibt es auf der Ebene der Wortverbindungen anfänglich stets eine Motivationsgrundlage, indem auf eine bestimmte Konzeptualisierung zurückgegriffen wird. Motiviertheit zum synchronen Sprachzustand ist dann gegeben, wenn aus der Form einer sprachlichen Einheit und dem Weltwissen auf ihre Bedeutung und ihre Benennungsgrundlage geschlossen werden kann (vgl. die unter “Beispiele” aufgelisteten, semantisch transparenten Kollokationen). Manchmal ist die ursprüngliche Motivation im Laufe der Sprachgeschichte jedoch verblasst und synchron nicht mehr erkennbar, wie im Falle von stipulare un contratto (‚einen Vertrag schließen‘), wo sich stipulare von lateinisch stípula ‚Strohhalm‘ herleitet, weil in der Antike bei einem Vertragsabschluss ein Strohhalm entzwei gebrochen wurde.

Phraseologie und Phraseologismen (auch: Phraseme): Als Phraseologie wird die linguistische Teildisziplin bezeichnet, die sich mit Phraseologismen beschäftigt. Sowohl bei der Phraseologie als auch bei den Phraseologismen wird zwischen einer engen und einer weiten Auffassung unterschieden: (a) Gemäß der engen Konzeption gehören nur Idiome (= Phraseologismen im engeren Sinne) zum Untersuchungsgegenstand der Phraseologie bzw. zu den Phraseologismen, d.h. nur solche Verbindungen, die sich durch Idiomatizität auszeichnen und deren Gesamtbedeutung sich nicht aus der Summe der Bedeutungen der einzelnen Bestandteile ergibt. (b) Gemäß der weiten Konzeption sind neben den Idiomen auch alle anderen Arten von festen Wortverbindungen zum Bereich der Phraseologie und zu den Phraseologismen zu rechnen, so u.a. Kollokationen, Routineformeln (z.B. Quanti anni hai? – Wie alt bist du?), Sprichwörter (Chi fa da sé fa per tre. – Selbst ist der Mann / die Frau.).

Polysemie (abgeleitet von altgriechisch polýs ‚viel‘ / ‚mehrere‘ und séma ‚Zeichen‘): Dabei handelt es sich um einen bestimmten Fall von Mehrdeutigkeit bzw. Ambiguität sprachlicher Zeichen, die typischerweise auf Lexemebene (Wortebene) auftritt. Ein Wort ist dann polysem, wenn es zwei oder mehrere Bedeutungen aufweist, die untereinander einen etymologischen und semantischen (inhaltlichen) Zusammenhang aufweisen, wie z.B. ital. spina, das in seiner Grundbedeutung ‚Dorn‘ heißt, in einer davon abgeleiteten Bedeutung aber auch ’stechender Schmerz‘ (basierend auf der metonymischen Relation ‚Ursache – Resultat‘, denn Dornen können stechende Schmerzen verursachen). Im Wörterbuch findet man die verschiedenen Bedeutungen eines polysemen Wortes daher unter einem einzigen Lemma (Eintrag).  Im Rahmen von Kollokationen spielen Polysemien vor allem im Bereich verbaler und adjektivischer Kollokatoren eine Rolle, weil besonders diese Wortarten oft polysem sind und im Vergleich zu ihrer Grundbedeutung eine metaphorische Übertragung erfahren haben (vgl. abbracciare una professione ‚einen Beruf ergreifen‘, wörtl.: „umarmen“; una curva cieca ‚eine unübersichtliche [wörtl.: “blinde”] Kurve‘). Da Polysemien in verschiedenen Sprachen meist unterschiedlich verteilt sind, ergeben sich unterschiedliche Kombinationsradien und Bildlichkeiten sowie folglich auch Unterschiede in den Kollokationen.

Semiidiomatische Kollokationen (auch: teilidiomatische Kollokationen; Teilidiome; Semiidiome) [=> siehe auch “Unsere Kollokationskonzeption”]: Bei teil- oder semiidiomatischen Kollokationen ist der Kollokator idiomatisiert, wie im Falle der Kollokation un numero verde ‘eine kostenlose (wörtl.: “grüne”) (Ruf)nummer’. Da die Basis jedoch nicht idiomatisch gebraucht ist (numero = ‘(Ruf)nummer’), sind solche Verbindungen insgesamt nur teilidiomatisch und aus diesem Grund nicht den (Voll-)Idiomen zuzurechnen, sondern noch zu den Kollokationen zu zählen, weil mindestens ein Teil der Verbindung wörtlich gebraucht ist und die Gesamtbedeutung meist noch aus den einzelnen Teilen erschließbar ist. Es gibt auch Semi-Idiome mit “ungewöhnlicher Kollokationssyntax”, wie im Falle von divertirsi un mondo (‘sich köstlich amüsieren’, wörtl.: “sich eine Welt amüsieren”): Bei diesem Beispiel stellt das Verb divertirsi die Basis dar, weil es sich um den wörtlichen Teil der Verbindung handelt, während es sich beim Modaladverbiale un mondo um den idiomatisch gebrauchten Kollokator handelt.